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Jens Issel - 31.07.2013

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Personalisierung – Deutschland wählt Personen statt Parteien

 

Wer Arbeit in die Kommunikation steckt, möchte spürbare Effekte erzielen. Aber wie bringt die Politik die Kommunikation mit dem Bürger zum Laufen? Wer sollte im Rahmen des Wahlkampfs kommunizieren, um hohe Reichweiten zu erzielen?

Die Frage hatten wir im Beitrag “Kommunikatoren: Die Komplexität der politischen Strukturen überwinden” aufgeworfen und mit einer kurzen Umfrage verbunden.

 

Vertrauen ist nicht gleich Vertrauen

Zugegeben: Das Ergebnis (Stand 23.07.13) überrascht uns nicht wirklich. 100 Prozent kommunizieren lieber mit Politikern als mit Parteien. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Kommunikation mit Institutionen und Organisationen unpersönlich und wenig verlässlich ist.

Und das, obwohl Politiker in unserem Land nicht sonderlich angesehen sind. Eine Gfk-Umfrage im Jahr 2011 ergab, dass in Deutschland lediglich 14 Prozent der Bevölkerung den Politikern vertrauen. Erschreckende Zahlen in einem demokratischen System.

Personen vertrauen

Unterscheiden müssen wir jedoch zwischen dem grundsätzlichen Vertrauen in die Politiker und dem Vertrauen, dass diese Personen in einem persönlichen Gespräch mit uns als Bürger hervorrufen können. shutterstock_142658023In der Regel führt persönlicher Bezug zu einem größeren Vertrauensverhältnis. Weil wir Empathie aufbauen können. Weil wir ein Gefühl für Auftreten und Typ bekommen. Und nicht zuletzt, weil wir einzelne Personen viel leichter für das Nichteinlösen eines Versprechens haftbar machen können, als es gegenüber Parteien und Fraktionen möglich ist.

Und hier sollte die Social-Media-Kommunikation ansetzen. Die Menschen Vertrauen Ihnen als Politiker im persönlichen Gespräch. Sie können Sympathie hervorrufen und durch Ihre Persönlichkeit überzeugen. Das gilt Offline, am Wahlkampfstand, aber auch online, auf Ihrem Facebookprofil.

Wähler wählen Menschen – keine Themen 

Bestätigt wird dies durch die Umfragewerte von Angela Merkel. 58 Prozent bekäme die Bundeskanzlerin bei einer Direktwahl. Damit liegt sie bei Umfrage- und Sympathiewerten weit vor der eigenen Partei. Die CDU liegt derzeit bei rund 40 Prozent.

Und auch Themen wie die NSA- oder die Drohnen-Affäre verursachen ihr – zumindest bei den persönlichen Umfragewerten – derzeit keine Probleme. Stattdessen wird ihr vom Großteil der Wähler ein präsidialer Führungsstil und hohe Kompetenz bei der Bewältigung der Wirtschaftskrise zugeordnet.

Es scheint daher richtig zu sein, auf Personen zu setzen und nicht auf Parteien und Themen.

Welche Rolle kann dabei Social Media spielen?

Immer mehr Politiker tummeln sich im Social Web. Bereits 90 Prozent der Bundestagsabgeordneten sind in sozialen Onlinenetzwerken vertreten. Warum? Weil immer mehr Wähler dort anzutreffen sind. Weil dort im Idealfall regelmäßig mit einer größeren Gruppe kommuniziert werden kann. Zudem finden Politiker hier Plattformen, die Ihnen erlauben, jenseits der Presselandschaft, Themen in der Öffentlichkeit zu platzieren.

Wer nicht selbst auf Facebook schreibt, hat Social Media nicht verstanden

Wichtig: Wenn sich Politker für die Kommunikation auf Facebook, Twitter & Co entscheiden, sollten sie Inhalte auch selbst einstellen und Diskussionen selber führen. Warum? Nur so kann es einen authentischen Austausch geben.

MerkelZugegeben: Angela Merkel hat knapp 331.000 Fans. Und sie betreut ihren Kanal nicht selber. Aber 331.000 Fans? Das ist gerade mal die Einwohnerzahl von Bielefeld. Und unter den Fans sind vermutlich einige ausländische User. Immerhin: Das sind fast 10 Mal so viele Fans wie die CDU auf ihrer Facebookseite hat. Auch das ein Indiz für die Wirksamkeit von Personenkommunikation. Aber sie kommuniziert eben nicht persönlich. Sie lässt kommunizieren. Und das auch nur Einweg. Aber sie taucht auch mehrmal die Woche in der Tagesschau auf. Das ist nur wenigen Politikern vergönnt.

Führen Sie den Dialog – Personalisieren Sie die Kommunikation

Was haben Parteien in den letzten Jahrzehnten in Dialogkampagnen investiert? Vom Town-Hall-Meeting, dem öffentlichen Marktgang bis hin zum Meet & Greet mit den Bürgern. Das Ziel immer das Gleiche: Bürgernähe suggerieren. Die Aussage “Wir sind die Ansprechpartner vor Ort” stützen.

In Zeiten des Social Web sieht das nicht anders aus. Wer nicht mit den Bürgern spricht, wer ihnen nicht auf Augenhöhe begegnet, der wirkt nicht volksnah, hat wenig Chancen auf den Wahlsieg. Also fangen Sie an den Dialog zu führen. Reagieren Sie auf Kommentare, schalten die Dialogfunktion auf ihrer Seite frei und lassen sich darauf ein. Die Wähler wollen ihre Köpfe – im positiven Sinne.

Das Zeitproblem

Zugegeben: Das kostet Zeit. Aber es gehört zu den Grundfunktionen und Ideen des Social Web. Wer sich darauf nicht einlässt ist womöglich auf dem falschen Kanal unterwegs.

Wir sehen durchaus das Problem, dass berufspolitik bereits eine zeitintensive Aufgabe ist. Und jetzt noch Facebook? Wie soll Angela Merkel das bewerkstelligen, wenn sie von einem Krisengipfel zum nächsten eilt und der Bürger dann auch noch direkt von ihr Fragen beantwortet haben will?

Zugegeben: Das funktioniert nicht. Es wäre schön. Aber das erwartet im Endeffekt doch niemand.

Hannelore Kraft und Christian Lindner zeigen, wie es gehen kann. Hier posten Person und Team im Wechsel.

Lindner

 

Die Frage die sich stellt: Sollte das Team nicht auch noch mehr Gesicht zeigen? Möchten wir nicht wissen, wer hinter dem Team steckt? Durchaus sehen wir die Problematik, dass hier eine Person positioniert werden soll. Aber was ist schlimm daran ein Teamplayer zu sein? Warum nicht also auch das Team namentlich nennen?

Hannelore Kraft

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Also kommunizieren durch das Team? Wir sehen das als eine Frage zwischen Hierarchie und Erwartungshaltung an. Bei Frau Merkel erwartet das niemand. Bei Bundesministern auch noch nicht. Und vielleicht auch nicht bei Ministerpräsidenten. Aber wollen wir doch ehrlich sein: Von meinem direkten Wahlkreiskandidaten erwarte ich, dass er mir persönlich antwortet. Er will bestenfalls auch direkt von mir in seine Funktion als Abgeordneter gewählt werden.

Die Erwartung

Deshalb erwarte ich von meinen Wahlkreisabgeordneten, dass sie persönlich schreiben. Und ich erwarte, dass sie sich, auch im Social Web, um mich und meine Anliegen bemühen und am Wahltag nicht nur die Siege einfahren wollen.

 

Bildquellen:

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- Angela MerkelEuropean People’s Party, Flickr