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Jens Issel - 18.07.2013

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Kommunikatoren: Die Komplexität der politischen Strukturen überwinden

 

 

Das Merkel und Steinbrück im Hinblick auf die Kommunikation bei Facebook, Twitter & Co. noch Nachholbedarf haben wurde hier bereits festgestellt. Aber mal angenommen, eine Partei würde auf uns zukommen mit der Erkenntnis: ”Es wäre gut, zukünftig vermehrt auf die Onlinekommunikation zu setzen. Wer soll denn für uns kommunizieren?”. Welcher Onlinestratege wäre in der Lage, eine Ad-Hoc-Antwort zu geben?

Im besten Fall keiner. Politische Kommunikation ist ein komplexes Gebilde. Auch online. Wer selbst schon in der politischen Beratung gearbeitet hat oder selbst Teil des politischen Systems war oder nur Mitglied in einer Partei, der wird diese Feststellung, zum Teil leidvoll, bestätigen.

Nicht selten hält das Motto “Es wurde schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem” Einzug. Lange Sitzungsabende und Abstimmungen sind die Folge. Ausreichend Zeit zu twittern, könnte man denken. Aber ist das sinnvoll? Was kommt da an Kommunikation eigentlich zusammen?

Komplexe Organisation – Das Strukturproblem

Unser politisches System basiert auf einer Struktur, die jedes Unternehmen zu Neustrukturierungen und Verschlankungen veranlassen würde. Die Latte reicht bei den Parteien von Orts-, Kreis-, Regional-, Kreis- und Landesverbänden, bis hin zu Bundesverbänden. Das Ganze, parallel zu den Mutterparteien, auch noch in unzähligen Vereinigungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Ausrichtungen. JU, Jusos & Co. lassen grüßen.

Und jedes Gremium wird auf unterschiedlichste Art und Weise gewählt. Komplex denken Sie? Da geht noch mehr. Bisher sprechen wir von Parteistrukturen. Hinzu kommen Fraktionen und Vertretungen u.a. auf Stadtteil-, Stadt-, Kreis-, Bezirks-, Regionalverbands, Landes-, Bundes- und europäischer Ebene.

Schließlich soll sich auch jeder an geeigneter Stelle einbringen können. Und eine mehr oder weniger tragende Funktion ist bisher noch für jeden gefunden worden. Und wer eine Funktion erhält, der hat spätesten dann etwas zu sagen.

Jedes Parteimitglied als potentieller Kommunikator

Aber was bedeutet das für unsere strategischen Ansätze? Erste Erkenntnis: Es wird hunderttausende Kommunikatoren geben. Schließlich hat jeder was zu sagen. Auf Grundlage der Entwicklungen des Social Web kann heute zudem jeder seine Meinung öffentlich kund tun.

Machen wir eine theoretische Berechnung auf.

  • Facebookmitglieder in Deutschland: 25 Mio.
  • Einwohner in Deutschland: 82 Mio.
  • Das bedeutet 30,5 Prozent der Deutschen sind auf Facebook präsent.

Gehen wir wohlwollend davon aus, dass die Mitglieder in den Parteien den Durchschnitt der Gesellschaft widerspiegelen, dann dürften in der Partei

  • CDU (472 Tsd. Mitglieder) entsprechend 143.960 Facebooknutzer,
  • SPD (474 Tsd. Mitglieder) entsprechend 144.570 Facebooknutzer,
  • Die Linke (64 Tsd. Mitglieder) entsprechend 19.520 Facebooknutzer,
  • Bündnis 90/Die Grünen (60 Tsd. Mitglieder) entsprechend 18.300 Facebooknutzer,
  • FDP (59 Tsd. Mitglieder) entsprechend 17.995 Facebooknutzer

vertreten sein. (Quelle: Wikipedia, 16.07.2013)

Zugegeben: Wir müssen sehr wohlwollend sein, nicht zuletzt, weil die Altersstrukturen und sozialen Herkünfte der Parteien höchst unterschiedlich und ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen diesen Kriterien und den Facebooknutzern bestehen könnte.

Tatsächlich hat die SPD übrigens nur 39.870 Fans und die CDU lediglich 35.344 (Quelle: wahlkampfanalyse.de). Eine hohe Diskrepanz also zwischen möglichen Nutzern und tatsächlichen Fans. Sollten die Mitglieder der Parteien also echte Facebookverweigerer sein? Oder werden so wenige Mitglieder Fan der eigenen Parteiseite?

Fakt ist: Auch unabhängig der Parteifacebookseite ist jedes Mitglied ein potentieller Kommunikator mit einer potentiellen Reichweite, die weit über dem liegen wird, was bisher am Stammtisch stattfand.

Wer soll in einer Partei online kommunizieren?

Und jetzt kommuniziert jeder? Wir werden es zumindest nicht verhindern können. Auch geheime Sitzungen hindern nicht mehr unbedingt daran, dass die dort besprochenen Inhalte an die Öffentlichkeit dringen. Schlechter Stil? Mag sein. Aber Realität.

Ob wir die Kommunikation durch Jedermann fördern sollten, gilt es herauszufinden.

BernabeuMir fällt dazu immer Real Madrid ein, die 2011 das Bernabéu-Stadion komplett mit einem WLan-Netz ausbauten. Mehr Öffentlichkeitsarbeit, als durch 85.500 Stadionbesucher, die ein Spiel von Real Madrid besuchen und von dort aus posten kann man schließlich nicht haben. Klingt logisch?

Auf dem CDU-Bundesparteitag 2012 in Hannover kostete WLan für Journalisten und Besucher 35 Euro. Offenbar entschied man sich die öffentliche Kommunikation zu erschweren. Ist die öffentliche Kommunikation der Mitglieder also nicht gewollt, obwohl Reichweite und Aufmerksamkeit womöglich dagegen sprechen könnten?

Strategische Überlegungen

Doch gehen wir es strategisch an und arbeiten unterschiedliche Möglichkeiten heraus. Wer sollte online vertreten sein und kommunizieren?

1. Option: Grundsätzlich könnten, ähnlich wie in Unternehmen, die Organisationen an sich kommunizieren. Das bedeutet die Parteien und Fraktionen an sich könnten die Kommunikationskanäle nutzen.

2. Option: Die Parteien lassen Personen kommunizieren. Dabei besteht die Möglichkeit sich auf namhafte Politiker zu stützen und/oder sich zu überlegen wie eine breite Einbeziehung der Mitglieder erfolgen kann.

Die jeweiligen Vor- und Nachteile werden wir im zweiten Teil der Serie erörtern. Bis zu deren erscheinen sind wir auf Ihre Antworten gespannt:

 

 

Bilquellen:

Photo of a news broadcaster sat at a desk and retro microphone, Shutterstock

Bernabeu, Jan S0L0, flickr