Artikel

Henrik Patzke - 19.07.2013

Case-Study-3-NSA-bei-SPON

NSA-Affäre auf Spiegel Online: Merkel spielt bisher keine Rolle

Mehr als jedes andere Thema bestimmt die NSA-Affäre die Agenda der letzten vier Wochen. Die Opposition scheint eine offene Flanke im Wahlkampf bei CDU und FDP gefunden zu haben. Die Regierungsparteien versuchen das Thema klein zu halten und auszusitzen. Wir haben uns die redaktionellen Inhalte und Nutzerdiskussionen zum Thema auf Deutschlands größtem Nachrichtenportal Spiegel Online angesehen, um ein zwar nicht repräsentatives aber dennoch aufschlussreiches Bild der öffentlichen Reaktion auf den Datenskandal zu erlangen.

Merkel & Obama spielen in der Berichterstattung keine Rolle

Merkel und Obama Eine interessante Erkenntnis der Analyse ist, dass die Regierungschefs von Deutschland und den USA nur eine untergeordnete Rolle spielen. Sowohl „Barack Obama“ (8 Fundstellen, darin auch die Begriffe „Barack“ und „Obama“) als auch die Begriffe „Angela Merkel“ (4, darin „Angela“ und „Merkel“) und „Kanzlerin“ (7) werden nur am Rande erwähnt.

Für Deutschland ergibt sich damit ein schon in der Vergangenheit des Öfteren vermutetes Bild: Angela Merkel schafft es in für ihre Regierung kritischen Situationen, außerhalb der Schusslinie der Öffentlichkeit zu bleiben. Trotz der zahlreichen Versuche der Opposition, die Kanzlerin mit der NSA-Affäre unter Druck zu setzen, scheinen diese Versuche bislang zu verpuffen.

Das bestätigt auch der ARD-Deutschlandtrend vom 19.07., den Infratest Dimap erhoben hat.

Es wird spannend, ob sich dies in den nächsten Wochen ändern wird, sofern die Oppositionsparteien ihre Forderung nach einer Anhörung der Kanzlerin vor dem Parlamentarischen Kontrollausschuss aufrecht erhalten.

Diskussion im politischen luftleeren Raum

Die Daten zeigen ferner, dass weder Parteien noch deutsche Politiker in der Berichterstattung zur Prism-Affäre eine Rolle spielen. Weder Innenminister Hans-Peter Friedrich, der mit seiner USA-Reise keine entscheidenden Akzente setzen konnte, noch der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion und Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums, Thomas Oppermann, der das Thema für die SPD als Wortführer besetzen sollte, werden von der Spiegel-Redaktion oder den Nutzern signifikant diskutiert.

Redaktion vs. User
Themen NSA-Affäre
Beim Klick auf das Netz gelangen Sie zur dynamischen Ansicht.
Hinweis: Optimiert für Google Chrome.

Zum Vergleich haben wir als Hauptknotenpunkte die redaktionellen Inhalte und die Nutzerdiskussion festgelegt. Wenig überraschend ist dabei die grundsätzliche Feststellung, dass die redaktionellen Inhalte durch eine einheitliche Wortwahl in journalistischem Stil geprägt sind. Die Nutzerdiskussion ist hingegen vielfältiger und auch in weiten Teilen differenzierter. Bei der Nutzerdiskussion sind es mehr Themengebiete, die aber, durch die seltenere Begriffsverwendung, durchschnittlich kleiner sind.

NSA-Affäre vs. persönliches Schicksal

Die Themengebiete rund um die redaktionelle Berichterstattung von Spiegel Online lassen erkennen, dass die Redaktion von Spiegel Online ihrem Auftrag zur Informationsbereitstellung umfassend nachkommt, indem Sie die Kernbegriffe zum Thema einbindet. In den dunkelroten und orangefarbenen Clustern kommen praktisch alle Begriffe vor, die eine umfangreiche Berichterstattung zum Thema benötigt, darunter

  • Whistleblower
  • Staatsgeheimnisse
  • Atlantik
  • schnüffeln
  • Privatsphäre
  • Auslieferungsabkommen.

Das „Auslieferungsabkommen“ eröffnet zusammen mit

  • Moskau
  • Kuba
  • fliegen
  • Reisepass
  • ungültig

das Themenfeld rund um das persönliche Schicksal des Whistleblowers Edward Snowden. Eben jenes persönliche Schicksal ist neben dem eigentlichen Spähskandal ein zentraler Bestandteil der Diskussionen auf Nutzerseite. Begriffe wie

  • Justiz
  • Vollstreckung
  • Haftbefehl
  • Asyl
  • und Todesstrafe

illustrieren diese Diskussion.

Userdiskussion

Die Diskussion der Nutzer weicht von der medialen Berichterstattung teilweise ab. So befasst sich etwa ein Themencluster mit der Frage, inwiefern es sich bei der Veröffentlichung der Dokumente um eine Analogie zum Verrat von „Betriebsgeheimnissen“ handelt. Ebenfalls steht die völkerrechtliche Dimension der Affäre stärker im Fokus der User.

Fazit

Alles in allem erscheint die Nutzerdiskussion im Vergleich zur redaktionellen Berichterstattung zwar durch die Neigung zu emotional aufgeladenen Begriffen wie „Verräter“ und „Schnüffelallianz“ nicht gerade objektiv. Gleichzeitig muss aber festgestellt werden, dass die Nutzerdiskussion mehr Sichtweisen auf die NSA-Spähaffäre beinhaltet, die teilweise deutlich von der in den redaktionellen Beiträgen vermittelten Sichtweise abweichen.
Darüber hinaus bestimmt die NSA-Affäre zwar die tägliche Berichterstattung, wird aber nicht unbedingt als Wahlkampfthema angesehen, in dem eine eindeutige Einordnung in Engel und Teufel, Angeklagte und Kläger oder Regierung und Opposition stattfindet. Spiegel und User scheinen eher an einer inhaltlichen Diskussion interessiert.

Wie sehen Sie die Diskussion um die NSA? Ist sie ein Wahlkampfthema?
Wo sehen Sie strategische Kommunikationsfehler in den Parteien?
Fühlen Sie sich in der Diskussion von den Medien ausreichend informiert?

Angaben zur Analysegrundlage:
Grundlage von complexium.galaxy in dieser Analyse sind alle redaktionellen Artikel sowie die Nutzerdiskussion zur NSA-Spähaffäre des vergangenen Monats (18.06.-17.07.2013). Insgesamt sind in die computerlinguistische Analyse zur Erstellung des Themennetzes 3.560 Artikel eingeflossen, davon 240 redaktionelle Beiträge und 3.320 Artikel aus Nutzerdiskussionen.

Bildquellen:
http://zh.m.wikipedia.org/zh-mo/File:G8_leaders_watching_football.jpg



  • http://twitter.com/tweelixB Felix

    Kann man irgendwo das genaue Forschungsdesign einsehen? Wenn die tolle computerlinguistische Analyse angeblich so viele Beiträge zum PRISM-Skandal ausgewertet hat, kann ich nur sagen, dass der Algorithmus dahinter entweder totaler Käse ist oder Sie den Leser für dumm verkaufen wollen, wenn es heißt, es habe lediglich 11 Beiträge gegeben,welche die Regierungschefin zum Thema hatten. Im Untersuchunszeitraum gab es folgende Artikel zum Thema “Merkel + PRISM”: http://www.spiegel.de/suche/index.html?suchbegriff=Merkel+prism&quellenGroup=SPOX&suchzeitraum=month&fromDate=22.06.2013

    Jeder davon hat mehrere hundert Kommentare erhalten. Und wir reden hier nur von SPON. Ist ganz klar das Leitmedium, okay. Allerdings gibt es in der gesamten Medien- und Social Media-Landschaft seit Wochen kein anderes Thema. Wie kann man da ernsthaft zu der These gelangen, dass politisches Personal in der aktuellen Debatte keine Rolle spielt? Oder stehe ich gerade ganz gewaltig auf dem Schlauch?! Bitte um Aufklärung :)

  • Henrik

    Hallo Felix,

    der Algorithmus hinter complexium.galaxy berechnet für jeden Begriff in den Dokumenten des Quellensets eine qualitative Signifikanz. Überschreitet die Signifikanz eines Begriffes einen bestimmten Wert, wird das Wort im Themennetz dargestellt. Umgekehrt bedeutet dies, dass die Begriffe „Angela“ und „Merkel“ zwar in vielen Artikeln enthalten sein können, aber eben (im Vergleich zum gesamten Artikeltext) nicht signifikant genug, um auch im Themennetz aufzutauchen. Gerade in den oft kurzen Kommentaren der Nutzer werden Namen nur sehr selten genannt.

    Zudem stehen vor allem in den ersten Wochen eher die Spähaffäre an sich (mit Begriffen wie „Privatsphäre“, „Schnüffelallianz“, „Prism“ und „Tempora“) sowie das Schicksal Edward Snowdens im Vordergrund.

    Die Ergebnisse deiner Suche bei Spiegel Online zeigen, dass erst seit der Pressekonferenz am vergangenen Freitag Angela Merkel vermehrt in den Überschriften und Artikeln zum Thema auftaucht. Diese Artikel liegen aber noch außerhalb des im vorliegenden Case verwendeten Beobachtungszeitraums (18.06.-17.07.).

    Selbstverständlich werden wir das Thema weiter verfolgen und zeitnah eine Aktualisierung bereitstellen, die aufgrund der Änderungen in der Berichterstattung vermutlich einen stärkeren Personenbezug aufweisen wird.

    Beste Grüße,
    Henrik

    • http://twitter.com/tweelixB Felix

      Ah, besten Dank! Dass es sich um die Signifikanz und nicht die absolute Zahl der Nennungen handelt, wurde hier für mich nicht ganz klar. Immerhin ist einleitend von “Fundstellen” die Rede. Die Systematik sollte man m.E. noch etwas verständlicher herausarbeiten, damit niemand denkt, er soll für dumm verkauft werden ;) Dass die Analyse noch außerhalb der Bundespressekonferenz lag, erklärt natürlich den Rest. Bin gespannt, wie das weitergeht. Kann mir offen gestanden nur schwer vorstellen, dass das Thema Richtung Wahl kleiner wird…
      Viele Grüße!